Zwielicht.
Dasselbe Wort für zwei unterschiedliche Tageszeiten,
das Grenzland zwischen Tag und Nacht,
Nacht und Tag.

Zwielicht.
Das Zwischenlicht,
dazwischen und zwischendrin,
weder hier noch da:
Zwielicht.

Vor Sonnenaufgang,
nach Sonnenuntergang,
die blaue Stunde.
Die herabgleitenden Vögel,
der Morgenchor.
Die Zwischenzeit,
weder alt noch jung,
der halbe Weg.

Der Zwischenraum, die Lücke,
die Stille, das Fehlen.

Das letztes Mal, als ich nach Hongkong kam, schickte ich ein E-Mail an meine Freundin Colette. Ich bekam keine Antwort, aber da ich wusste, dass sie in einem Restaurant arbeitete, dachte ich, ich könnte dort einfach vorbeischauen, um sie auf der Arbeit zu überraschen.

Aber als ich dort ankam, erfuhr ich, dass sie seit Monaten nicht mehr da gewesen war: Sie war im Krankenhaus, sie hatte Krebs und lag im Sterben. Man sagte mir, sie sei nicht mehr bei Bewusstsein... und die Familie wolle keinen Besuch. Also machte es für mich keinen Sinn hinzugehen. Nach einigen Tagen bekam ich ein E-Mail vom Restaurant: Colette war gestorben.

Danach ging ich durch die Straßen Hongkongs - zum ersten Mal seit Jahren. Und irgendwie kamen mir die Neonlichter noch heller und leuchtender vor als früher. Die Straßen waren überfüllt wie immer: Die Leute kauften ein, strömten aus den Restaurants, trafen sich auf einen Cocktail oder zum Karaoke. Und wo ich auch hinschaute, ich war mir sicher, ich würde Colette sehen, wie sie um die Ecke kommt: ein warmes Lächeln, eine herzliche Umarmung. Ich musste mich zusammenreißen und daran denken, dass Colette nie wieder auf diesen Straßen zu sehen sein wird.

Wir gingen öfters aus, und wo wir auch hinkamen, empfingen die Leute sie mit offenen Armen. Überall traf sie Freunde, aber jene Abende wollte sie eben mit mir verbringen. Sie war Schauspielerin und auf der Suche nach Arbeit, ich war Künstler und auf der Suche nach einem neuen Weg. Wir redeten über Gott und die Welt, über Projekte, die Zukunft. Ich war nur ein paar Monate dort, und danach hatten wir nur wenig Kontakt. Aber ich werde die Liebenswürdigkeit, die sie mir entgegenbrachte, nie vergessen.

Nicht, dass wir etwas miteinander hatten, wir waren nur Freunde. Aber Hongkong bei Nacht... bedeutete für mich immer: mit Colette einen Trinken zu gehen. Damals hatten wir viel Zeit. Alle Zeit der Welt.

Wenn du vierzig wirst, bist du irgendwo in der Mitte, nicht wirklich alt, aber auch nicht mehr so jung.

Wenn du vierzig wirst, erscheint nichts mehr wirklich dringend,
außer dem Problem, dass allem an Dringlichkeit fehlt.

Wenn du vierzig wirst, fragst du dich, ob du überhaupt noch von Bedeutung bist. Aber „Bedeutung“ ist eigentlich nicht mehr von Belang für dich, oder?

Wenn du vierzig wirst, haben die meisten deiner Freunde längst aufgehört, Kunst zu machen. Und du fragst dich, ob du auch bald so weit bist.

Wenn du vierzig wirst, ist es einfach, ein Kunstprojekt zu vollenden. Aber den Anfang zu finden, ist viel schwerer.

Wenn du vierzig wirst, bist du schockiert darüber, was du alles in deinen Zwanzigern gemacht hast und du fragst dich, wie du damals überhaupt den Mut dazu hattest.

Wenn du vierzig wirst, fragst du dich, was du mit den nächsten vierzig Jahren anfängst.

Wenn du vierzig wirst, sehnst du dich nach der Zeit zurück, als es noch kein Internet gab.

Wenn du vierzig wirst, machst du dir Sorgen über die nächste Generation, die das Leben ohne Internet nie gekannt hat.

Wenn du vierzig wirst, entwickelst du ein merkwürdiges Interesse an Gartenarbeit.

Wenn du vierzig wirst, merkst du allmählich, wie viele von deinen Freunden schon gestorben sind. Und wenn du vierzig wirst, lernst du die zu schätzen, die noch um dich sind.

Deutsche Übersetzung: Thorsten Gietz, Ulrich Prehn