Ich hatte mal diesen Freund, er war Austauschstudent. Ich konnte das an seinem Pass erkennen. Er konnte auch nicht so gut Englisch. Du erinnerst mich an ihn, bist du auch Austauschstudent? Scheiße, das wollte ich nicht sagen. Sorry. Danke, dass du mich verstehst.

Na ja, er war so ein echter Outdoor-Typ, ganz der Naturbursche. Ich erinnere mich daran, dass er total auf Bäume stand – Blätter aller Art. Er hat nicht mit mir rumgemacht, wenn nicht wenigstens eine Topfplanze dabei war. Selbst jetzt fühle ich mich noch ganz unzulänglich, wenn ich einen Mammutbaum sehe.

Wir sind ein paar Monate zusammen gewesen, dann waren Sommerferien, und er wollte ins Okanagan-Tal, um Bäume zu pflanzen. Er sollte da vier Monate bleiben, draußen in der Wildnis, ganz allein, mit diesen... Bäumen.

Hast du schon mal vom Bigfoot gehört? Das ist so ein großer, übel riechender, haariger Bursche mit echt schlechten Manieren. Man weiß nie, was einem so passieren kann, da draußen im Wald, ganz allein.

Auf jeden Fall habe ich ihm gesagt, dass es da nicht sicher ist. Er müsste sich entscheiden: entweder ich oder die Bäume.

Na ja, er kam also nächstes Jahr nicht mehr in die Schule zurück, vielleicht war ja sein Visum abgelaufen. Und ich habe ihn dann nie wieder gesehen.

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Ich hatte mal diesen Freund, wir haben uns am Flughafen getroffen. Er sagte, dass er Küchenchef wäre, aber ich habe ihm nicht geglaubt, weil er eher wie ein Pilot aussah. Macht nichts, auf jeden Fall habe ich mit ihm geschlafen.

Und er war wirklich Küchenchef, er hatte sogar eine Show im Lokalsender. Ich habe ihm immer beim Frühstückskaffee zugesehen, wie er das eine gebraten, das andere kleingehackt hat. Er konnte echt gut mit seinem Ginsu-Messer umgehen. Da hab ich gleich einen Ständer gekriegt.

Na ja, irgendwann hab’ ich dann meine Tarot-Karten gelegt. Seine Karte sagte, dass er bald berühmt sein würde, auf der ganzen Welt und so. Und dann habe ich meine Karte aufgedeckt, und was hat die gezeigt? Den Tod. Es war so, als ob unsere Karten ineinander verschlungen wären, weil wir Seelenverwandte sind, und sein Ruhm entspricht meinem Tod.

Dann hat er diese E-Mail von seinem Agenten bekommen. Sie hatte höchste Priorität und du weißt, was das heißt. Seine Teriyaki-Firma wollte ihn als neues Aushängeschild, wie der Ronald McDonald des Sushi. Aber nur, wenn er einen Vierjahresvertrag unterschreibt.

Ich bin echt ausgetickt. Ich habe ihm gesagt, wenn er gehen würde, dann würde ich nie mehr was mit ihm zu tun haben wollen, nie mehr. Es war einfach zu riskant.

Aber er hat es natürlich trotzdem gemacht.

Na ja, ich habe ihn dann nie mehr gesehen, außer manchmal im Fernsehen. Von Sushi krieg’ ich Ausschlag.

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Ich hatte mal diesen Freund, es war dieser berühmte Promi-Friseur. Ich habe ihn bei der großen Modenschau bei Holt Renfrew getroffen, ich glaube, es war Issey Miyake oder so, sehr abstrakt, mit Bonsai-Haarteilen und solchem Mist.

Mit seinem besten Freund hat er einen eigenen Salon aufgemacht, sie nannten ihn Ricki Chez Ricki of West Vancouver, weil beide Ricki hießen, obwohl sich sein Name mit T schreibt.

Ich war also ständig in seinem Salon, da hatte ich noch nicht so viel zu tun. Ich habe immer gewartet, bis er Zeit hatte, um meinen Kopf zu rasieren. Er war richtig gut, und du weißt ja, wie empfindlich ich da bin. Meine Kopfhaut ist wirklich empfindlich, seit sich die Smiths getrennt haben.

Ich saß also mal wieder da, als plötzlich alle seine Handys geklingelt haben. Es war Rei Kawakubo, der aus Hongkong anrief. Sie brauchten unbedingt einen Stylisten. Ricki hat dann seine kleine Tasche gepackt. Ich war schon bereit mitzugehen, aber dann habe ich gelesen, dass irgendwo in Asien diese schreckliche Sache passiert ist.

Weißt du, ihr Haar ist so kräftig, sie müssen dieses ganz scharfe Zeug nehmen, das ist so stark, du weißt nie, was passiert. Da war mal dieser Friseur, und dem ist sein Kimchi in die Schüssel mit dieser supergiftigen Dauerwellenlösung gefallen. Alles, was sie nachher gefunden haben, waren ein paar jämmerliche Reste und ein Stückchen eingelegter Rettich.

Na ja, ich habe meinem Freund also gesagt, dass ich nicht mit ihm gehen würde, es war einfach zu gefährlich. Wenn er mich wirklich lieben würde, dann würde er diese Risiken nicht eingehen. Aber er hat sich wohl mehr um Mode gekümmert, und er ging ohne mich, und ich habe ihn nie wieder gesehen.

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Ich hatte mal diesen Freund, er war ein Verkehrspilot. Zuerst habe ich ihm das nicht abgenommen, ich meine, einige Jungs behaupten einfach alles. Aber dann hat er mir seine Mütze gezeigt, und es stimmte wirklich.

Er war also immer in Übersee und so, immer in Richtung Pazifik. Ich glaube, er war wohl meistens in Asien: Tokio, Shanghai, Bangkok, Bali... ist das Asien? Das stimmt doch, oder?

Ich war dann immer so paranoid, wenn er weg war. Also: Was macht er das ganze Wochenende? Mit wem war er zusammen? Macht er mit so einem frechen Geisha-Boy rum? Und gleichzeitig lag ich auf meinem leeren Futon, im Dunkeln, hörte Morissey, hatte nette Begegnungen mit meinem Vibrator. Das hat uns auseinander gerissen.

Es hat uns auseinander gerissen, und endlich war er einverstanden, mich mitzunehmen. Aber dann haben sie ihm Gefahrenzulage geboten, wenn er sein Route in die Karibik verlegt. Bermuda? Dreieck? Ich bin total ausgeflippt. Ich habe ihm gesagt, wenn er einen Hochrisiko-Freund haben will, dann würde ich Barebacking mit Courtney Love machen.

Danach habe ich ihn jedenfalls nie mehr gesehen.

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Ich hatte mal diesen Freund, ich glaube, er hat die Highschool abgebrochen. Ich habe ihn bei diesem Rave getroffen. Ich weiß nicht, er hatte irgendwas. Er hatte diese ganz besonders gelassene Ausstrahlung. Ich bin ganz in seiner Aura aufgegangen. Mit ihm fühlte ich mich ganz.

Wir sind dann zu Dunkin Donuts gegangen, um uns den Sonnenaufgang anzuschauen. Ich brauchte eine Zigarette, aber er hatte kein Geld, und meine Karte hatte der Automat gerade wieder geschluckt. Wir haben dann den ganzen Morgen Autoscheiben geputzt. Es war ziemlich übersinnlich.

Wir sind dann miteinander rumgehangen. Na ja, dann hat er diesen Anruf von seiner Mutter bekommen. Sie hatte ihre Lebensmittelmarken verloren, ihr Haus war eingestürzt, sie hatte einen Leberriss und ihre Katze war gestorben. Sie konnte es nicht mehr ertragen, und er entschied sich, nach Hause zu gehen und sich um sie zu kümmern, sofort.

Ich sagte ihm: “Und was ist mit mir? Ich liebe dich auch.” Und er sagte: “Ich liebe dich, aber meine Mutter geht vor. Ich muss gehen.” Ich habe ihn dann nie mehr gesehen.

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Das solltest du nicht tun!

Er ist der Richtige für dich.

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Ich hatte mal diesen Freund, er war ein Herumtreiber. Ich konnte das an seiner Kappe erkennen. Ich sagte ihm, er erinnert mich an einen Ex. Ich weiß nicht, warum. Ich war wohl nervös oder vielleicht wollte ich ihn beeindrucken. Aber auf so eine blöde Art.

Ihn schien das nicht zu kümmern. Er war immer sehr verständnisvoll. Na ja, er war ein richtig guter Zuhörer, hat mich nie verurteilt oder so. Mit ihm habe ich oft gelächelt. Wir sind eine Weile zusammen rumgehangen, aber dann musste er wohl weiterziehen. Das machen Herumtreiber eben, sie ziehen weiter und so.

Na ja, ich habe ihn gebeten zu bleiben. Er hörte mir zu, aber er hat seinen Entschluss nicht geändert. Ich habe ihm dann gesagt, er würde da draußen von Außerirdischen entführt, irgendwo im Nirgendwo. Das passiert andauernd.

Mein Cousin wurde einmal entführt. Er wurde so ungefähr zwei Wochen vermisst. Und dann wurde er in einem Maisfeld gefunden, nackt und im Koma, und eine Brustwarze fehlte.

Aber er blieb immer noch bei seinem Entschluss. Ich habe dann sogar seine Kappe versteckt. Aber das hat auch nicht geholfen, er fand sie da, wo ich sie versteckt hatte, im Schrank, unter dem Morrissey-Sweatshirt. Ich liebe dieses Sweatshirt.

Als er ging, wartete ich mit ihm an der Straße, bis ein Auto anhielt und ihn mitnahm. Und während ich da so stand und wartete, dachte ich an all die anderen Jungs, an die, die verschwunden sind. Und dass sie eigentlich nicht wirklich verschwunden sind, ich hätte ja mitgehen können, aber das habe ich nicht getan. Und dann habe ich gemerkt, wie satt ich es hatte, dass immer ich es war, der dageblieben ist. Und ich dachte, wie cool es wäre, wenn ich nur dieses eine Mal den Mut hätte, mit ihm zu gehen. Das wäre so cool.

Übersetzung: Ludger Wedding